Zu klein, zu schwach?

In der letzten Zeit ist eine hitzige Diskussion darüber entbrannt, wie schwer denn der Reiter eines Islandpferdes sein dürfe (vgl. Dr. Katrin Hagemann, „Freizeit im Sattel“ 2006/12, S. 86). Wurden wir jetzt 40 Jahre zurück versetzt oder ist eine Gewichtsbegrenzung für Islandpferde doch angebracht? Sogar der Sportausschuss und die FEIF sollen eine Thematisierung zumindest schon angedacht haben.  Natürlich gibt es Grenzen, sehr stark übergewichtige Reiter sollten weder ein Islandpferd noch überhaupt ein Pferd reiten. Aber kann ein Islandpferd weniger tragen als ein Warmblüter? Verdienen nur große Pferde den Namen „Gewichtsträger“?

Zahlen und Fakten

Das Islandpferd  steht einem Warmblüter kräftemäßig keineswegs nach, Kraft und Größe sind nicht gleichbedeutend, sondern „zwei paar Schuhe“. Auch die Tierärztin und hippologische Sachverständige Dr. Antje Rahn bestätigt ausdrücklich, dass „kleine Pferde  nicht nur leichtfuttriger und langlebiger, sondern auch bezüglich Kraft, Ausdauer, Gleichgewicht und Gliedmaßengesundheit überlegen“ sind (Rahn/Fellmer/Brückner: „Pferdekauf heute“, Warendorf, Neuauflage 2003, S. 27). Und auch das Islandpferd ist in seiner ursprünglichen Form durchaus in der Lage, schwerere Reiter zu tragen, jedenfalls dann, wenn das Kaliber stimmt.

Dr. Ewald Isenbügel, ehemaliger Präsident der FEIF, führt in seiner Dissertation („Das isländische Pony“, Zürich 1966, S. 67 – 69) Quellen an, die belegen, dass Islandpferde – absolut gesehen – eine Leistung von 1,02 PS und damit 86 % der Leistung eines Kaltblüters erreichen. Im Verhältnis zum Körpergewicht erreicht ein Islandpferd sogar 127,6 % der Kaltblutleistung. Allerdings wurde dabei eine Abhängigkeit vom Kaliber nachgewiesen! Denn im Verhältnis zur Größe werden nur 75,8 % der Kaltblutleistung erreicht. Für die Bedeutung des Kalibers für einen Gewichtsträger spricht auch, dass Rahn „eine gewisse Mindestfundamentstärke fordert, weil zu schmale Knochen nur kleine Gelenk- und Muskelansatzflächen haben, die eine optimale Kraftübertragung gefährden“ (Dr. Antje Rahn in Rahn/Fellmer/Brückner: „Pferdekauf heute“, Warendorf, Neuauflage 2003, S. 35).

Die Leistungsfähigkeit eines Islandpferdes liegt im Verhältnis zum Lebendgewicht um 42 % höher als bei einem Großpferd, sein Futterbedarf dagegen bei nur 70 bis 80 %. Die Muskulatur eines Islandpferdes ermöglicht es ihm, das 14fache seines eigenen Körpergewichtes zu ziehen, Großpferde dagegen nur das 8fache.  Zusätzlich hat sich in dieser Untersuchung das Rechteckformat eines über viel Boden stehenden (längeren) Pferdes als das leistungsfähigste Format gezeigt erwiesen.

Auch wenn sich diese oben angeführten Untersuchungen nur auf Zugleistungen beziehen, so ist es doch die Muskulatur, die das Skelett stützt. Und in der Tat gibt es wissenschaftliche Studien, die belegen, dass gerade das Islandpferd hinsichtlich seines spezifischen Muskelaufbaus bei Kraftentfaltung und Ausdauerleistung anderen Pferderassen deutlich überlegen ist (sehr lesenswert dazu der Aufsatz von Prof. Otto Klee: Körperbau, Körpergröße und Körperleistung bei Islandpferden, in „DAS ISLANDPFERD“ Nr. 114 November/Dezember 2006).  Dass junge, noch nicht voll ausgebildete Pferde nur ein leichtes Reitergewicht im Sattel tragen sollten, versteht sich von selbst, ist im Warmblutbereich selbstverständlich und sollte es auch bei uns sein. Ein Pferd, das einen großen (schweren?) Reiter trägt, muss diesem auch gewachsen sein. Einem trainierten und mindestens 7jährigen (d. h. ausgewachsenen) Pferd können ohne weiteres auch schwerere Reiter zugemutet werden – solange es sich nicht um zu elegante Pferde handelt. Denen hilft in der Tat (siehe oben) auch die Größe wenig. Insofern geht die Argumentation derer, die die Lösung des Problems in der Forderung nach mehr Größe sehen (Dr. Beatrix Sommer, „DAS ISLANDPFERD“ Nr. 98, S. 17), fehl. Kompakte Stabilität, altersangemessenen Ausbildung und Belastung sind an erster Stelle gefragt.

Kommentar

Dies alles sind eindeutige Argumente dafür, in der Zucht auch dem kompakten, kräftigen Typ weiterhin seine Daseinsberechtigung nicht abzusprechen. Das neue Zuchtziel verlangt Sportpferde, hochbeinig und elegant. Und wir bewundern sie dann bei internationalen Wettkämpfen unter jungen, schlanken, durchtrainierten Menschen, die auch in jeder anderen Sportart eine gute Figur machen würden. Aber ist das der alleinige Daseinszweck eines Islandpferdes? Wie viele Sportler nehmen an Weltmeisterschaften teil und wie viele Menschen jeden Alters, jeder Statur reiten zu Hause durch den Wald? Wer liefert ihnen künftig die Pferde?

In vergangenen Tagen hätte niemand die großen alten Männer der Islandpferdezucht Tierquäler geschimpft, weil sie sich – auch im vorgerückten Alter – nicht auf das Zuschauen beschränkten. Gunnar Bjarnason war  und beileibe nicht schmächtig und erst Thorkell Bjarnason, der Hüne. Und sie ritten wahrlich keine besonders großen Pferde, aber kräftige Tiere und alles passte. Ich denke zurück an Walter Feldmann sen. und seinen kleinen, aber kompakten „Hakon“. Der „Opa auf dem Moped“ wurde er von Zuschauern der „Equitana“ liebevoll genannt. Da klang Anerkennung mit, lächerlich fand das keiner und schon gar niemand fand „Hakon“ zu schwach für seinen Reiter. Mein eigener Mann, durchaus alles andere als zwergenwüchsig, besaß sogar ein Pferd von nur 129 cm Stockmaß – niemand hätte seinen „Gaski“ je als zu klein für ihn empfunden. Mit breiter Brust, kräftigen Beinen (heute würde er von Zuchtrichtern gnadenlos als kurzbeinig heruntergerichtet) und viel Aufrichtung. Nein, an der Größe liegt es nicht, das Kaliber sorgt für Harmonie. Und ein elegantes Pferd wird nicht durch ein paar Zentimeter mehr zum Gewichtsträger. Ursula Bruns schrieb in der 60er Jahren in ihrem Buch „Ponys“ über die englische Reitpony-Zucht: „Als ich mich auf eine mittelgroße Blauschimmelstute setzen wollte, wehrte die Besitzerin entsetzt ab, mein Gewicht trügen ihre Beine nicht.“ Sind wir dort auch bald angelangt?

Drei Dinge sind es letztlich, die wir unseren Pferden zugestehen müssen: 1. Bei der Zucht des Islandpferdes darf das Kaliber nicht zugunsten turniersportlicher Eleganz vernachlässigt werden. 2. Auch Islandpferde verdienen eine sorgfältige Aufzucht und nicht zu frühe Beanspruchung. 3. Vor jedem Einsatz muss immer das fachgerechte Anreiten und ein sorgfältiges Training stehen. Und dann ist das auch mit dem schweren Reiter kein Problem!

Mehr Sorgen als der schwere Reiter auf dem kleinen Pferd bereitet mir dagegen der Widerspruch der FIZO, die sich  im Verhaltenskodex zwar zum Tierschutzgedanken bekennt und das Wohlbefinden des Pferdes in den Vordergrund stellt, gleichzeitig aber die Prüfung vierjähriger Pferde (wann wurden die denn eingeritten?) zulässt. Dabei warnt die schwedische Tierärztin Mia Hellsten aufgrund wissenschaftlicher Studien zur Skelettentwicklung dringend davor, Islandpferde vor dem vierten Jahr anzureiten (zitiert in: Belastung junger Pferde vermeiden, „DAS ISLANDPFERD“ Nr. 113 September/Oktober 2006, S. 51 – 57; Skelettentwicklung und Beritt, „Eidfaxi International“ Februar 2006/1, S. 24). Und das Reglement der FIZO führt wörtlich aus, dass das Islandpferd zu den spätreifen Rassen zählt und erst mit 7 Jahren ausgewachsen ist.