Veränderte Proportionen erhöhen das Verletzungsrisiko

Altes Sprichwort: Wer da scheuet Spat und Gall, hat nie ein gutes Pferd im Stall

So, nun ist es also öffentlich: Islandpferde haben Probleme mit Spat. Ulrike Bletzer schreibt in der „freizeit im sattel“ (Oktober 2006, S. 34, ff.), bei Islandpferden sei es „um die Gesundheit der Beine offensichtlich nicht immer zum Besten bestellt. Seit diesem Jahr müssen fünf- und sechsjährige Hengste (…..) röntgenologisch auf degenerative Veränderungen an den Sprunggelenken untersucht werden.“ Und die Öffentlichkeit reagiert. Die Unterzeichnerin musste sich schon von einem gegnerischen Prozessbevollmächtigten vorhalten lassen, Spat sei doch bei Islandpferden kein Mangel, das hätten ja bekanntlich alle. Da wir in Deutschland in Konkurrenz zu 90 anderen Pferderassen stehen, wird dieser Imageverlust die Islandpferdezüchter sicher „freuen“.

Die Sache hat nur einen Haken: Tatsächlich haben wir kein Problem mit Spat. Natürlich hat gelegentlich das eine oder andere Pferd diese Krankheit – aber nicht häufiger als bei anderen Rassen auch. Die Profis sind sich eigentlich darin einig, dass die Häufigkeit von Spaterkrankungen in den letzten Jahren kontinuierlich abgenommen hat. Und bei den wenigen Fällen – das muss leider gesagt werden – handelt es sich überwiegend um Importpferde.

Inzwischen wird das Thema auch in Island heiß diskutiert. Anfang Oktober hat Jens Einarsson einen kritischen Artikel mit dem Titel „Spat bei Pferden und Menschen“ in HESTAR.net veröffentlicht. Darin berichtet er von der „Hysterie”, die derzeit im Pferdehandel wegen dieser Krankheit umgeht, sieht das Problem eher in den Köpfen der Menschen als im Sprunggelenk der Pferde und befürchtet negative Auswirkungen auf den Pferdemarkt. Auch er beruft sich darauf, dass die meisten Berufsreiter die Pferde, die wegen Spats ausfielen, an einer Hand abzählen könnten.

In einem offenen Brief hat sich dann die Tierärztin Sigríður Björnsdóttir zu Wort gemeldet, auf deren Untersuchungen die Röntgerpflicht fußt. Sie stellt klar, dass Spat eine verschleissbedingte Arthrose in den flachen Gelenken des Sprunggelenks ist. Im Röntgenbild sei feststellbar, ob  Knochenauswüchse oder Verkalkungen in den Gelenken vorliegen, die ein sicheres Zeichen dafür seien, dass ein Knorpelverschleiss stattgefunden habe. Damit müsse aber nicht automatisch eine Lahmheit und Leistungsbeeintächtigung des Pferdes einhergehen. Nach ihrer Ansicht sind positive Röntgenbefunde ein Sachmangel des Pferdes, auch wenn zum Zeitpunkt der Untersuchung nichts auf eine Lahmheit hinweise.

Nach der (jedenfalls deutschen) Rechtsprechung (vergl. Hogrefe: Das neue Pferdkaufrecht in der aktuellen Rechtsprechung, Deutscher Pferderechtstag Essen 2003, Tagungsskript S.  7) reicht ohne klinische Symptome (= Lahmheit) noch nicht einmal das Vorliegen der Röntgenklasse IV  für die Bejahung eines Sachmangels aus (LG Münster, Urteil vom 07.04.2003 – Az. 15 O 221/02). Und Befunde der Röntgenklasse II und III begründen auch bei späterem (nach der Übergabe) Auftreten klinischer Symptome keinen Sachmangel (LG Potsdam, Urteil vom 19.08.2003 – Az. 6 O 328/02). Nach Meinung des BGH liegt ein Sachmangel nur dann vor, wenn tatsächlich schon bei der Übergabe klinische Symptome ( = Lahmheit) nachgewiesen werden können oder zu diesem Zeitpunkt eine Ursache (Röntgenbefund) besteht, die mit Sicherheit oder zumindest hoher Wahrscheinlichkeit zu der Ausbildung solcher Symptome führt (BGH, Urteil vom 29.03.2006 – Az. VIII ZR 173/05). Eine einfache Wahrscheinlichkeit reicht nicht aus (vgl. dazu unten, Röntgenklasse IV).

Leider lehnt Sigríður Björnsdóttir eine Klassifizierung der Röntgenbefunde ab. Der in Deutschland verwendete und von der Gesellschaft für Pferdemedizin und der Bundestierärztekammer entwickelte Röntgenleitfaden  unterteilt die Befunde dagegen  in vier Gruppen (Pick, v. Salis, Schüle, Liste zur Beurteilung von Wertminderungen des Verkehrswertes eines Pferdes durch Gesundheitsstörungen, in „Hippo-logisch!“ Warendorf 2005, S. 317; Bemmann, Tierärztliche Kaufuntersuchung von Pferden, Deutscher Pferderechtstag, Essen 2005, Tagungsskript S. 3, 4):

Gruppe I:
Röntgenologisch ohne besonderen Befund und Befunde, die als anatomische Formvariante eingestuft werden.
Gruppe II:
Röntgenologische Befunde, die gering von der Norm abweichen, bei denen klinische Erscheinungen unwahrscheinlich sind.
Gruppe III:
Röntgenologische Befunde, die deutlich von der Norm abweichen, bei denen klinische Erscheinungen wenig wahrscheinlich sind.
Gruppe IV:
Röntgenologische Befunde, die erheblich von der Norm abweichen, bei denen klinische Erscheinungen wahrscheinlich sind.
Ergibt sich Spat nun wirklich nur aus genetischer Disposition oder liegt die Ursachen auch in Haltung und Training? Die Tierärztin, Fachbuchautorin und hippologische Sachverständige Dr. Antje Rahn sieht die Ursache degenerativer Gelenkerkrankungen in einer Diskrepanz zwischen Belastung und Belastbarkeit (vgl. Haltung und Gesunderhaltung von Sportpferden, in „Hippo-logisch!“ Warendorf 2005, S. 209 ff.). Die Belastbarkeit des Gelenkknorpels ergibt sich aus der durch Bewegung hervorgerufenen Flüssigkeitsaufnahme, durch die der Knorpel quasi aufgepumpt, nämlich prall-elastisch und belastbar wird, vergleichbar einem Autoreifen. Dies wird dadurch gefördert, dass vor jeder Belastung  10 bis 15 Minuten  Schritt am langen Zügel geritten wird, sowie durch Schritt reiten zwischen oder nach Belastungsphasen. Nach Stehen oder gar Stallaufenenthalt haben die Gelenkknorpel nur eine geringe elastische Härte, sie entsprechen eher einem „schlaffen Luftballon“. Bei plötzlicher Belastung ergibt sich dann ein hohes Risiko irreparabler Schäden. Ohnehin hält sie Weidegang oder täglichen Auslauf im Paddock auch für warmblütige Leistungspferde für unabdingbar.

Bekanntermaßen wird in Island dem Schritt reiten kaum Bedeutung beigemessen. Und die Stallhaltung erfreut sich immer größerer Beliebtheit, was nicht nur von Islandkennern kolportiert wird (vgl. auch Blum,  Im Wandel: Das Pferde-Leben auf Island, in „freizeit im sattel“ Oktober 2006, S. 54 ff.).

Es ist erfreulich, dass die viel zitierten Forschungsergebnisse der  Sigríður Björnsdóttir nun endlich in deutscher Sprache veröffentlicht werden. Aber – 615 Pferde sind nicht eben viel. Es gibt keine Angaben dazu, in welchem Alter die Pferde untersucht wurden, denn 6 bis 12jährig ist doch eine ziemliche Zeitspanne. Auch weiß  man nicht, aus welchem Landesteil die Pferde kamen. Wie wurden sie aufgezogen, wie gefüttert, wie und wann eingeritten, wie gehalten und wie trainiert? Sind sie verwandt? Warum wurden nur Pferde in Island untersucht? Boden, Futter, Haltung und Klima sind dort und hier schließlich nicht identisch. Außerdem dürften Jungpferde, die ihr Leben früh im Schlachthaus beenden, nicht eben zu den Hoffnungsträgern zählen, denen man eine optimale und kostenintensive Aufzucht angedeihen lässt.

Konkrete Aussagen über die Heritabilität (Vererbungsgrad) scheinen mir gewagt. Wie hat man in den nur 5 Jahren der Studie die Langzeitfolgen für röntgenologisch auffällige Pferde und die ihrer Nachkommen beobachten können? Und wenn man von einer multifaktoriellen Vererbung ausgeht, dann müsste man konsequenterweise nicht nur die betroffenen Pferde selbst eliminieren, sondern auch beide Eltern, von denen ja dann die Veranlagung stammt. Wie viel Zuchtmaterial bliebe dann noch übrig? Und überhaupt, warum dann nur Hengste röntgen und nicht auch die Stuten? Fragen über Fragen – und nach wie vor keine befriedigenden Antworten.

Vielleicht ist ein kleiner Blick auf die Warmbluzucht erlaubt. Der Holsteiner Verband verlangt beispielsweise Röntgenaufnahmen von 2 ½ jährigen Hengsten vor der ersten Körung, allerdings nur in zwei Ebenen, nicht vier, wie von der  FEIF gefordert. Das macht durchaus Sinn, kann man doch davon ausgehen, dass Hengstanwärter solide aufgezogen werden und dass 2 ½ jährige noch keiner Belastung ausgesetzt waren, Alternativursachen also ausscheiden. Zudem soll lediglich der äußerst geringe Anteil von Hengsten, die absolute Negativ-Varianten darstellen, im Vorwege von der Körung ausgeschlossen werden, womit das Ermessen hinsichtlich einer belastenden Maßnahme – gemessen am Stand der Wissenschaft – pflichtgemäß ausgeübt wurde. Tierärzte und Zuchtleitung unterliegen hinsichtlich des Ergebnisses der absoluten Verschwiegenheitspflicht, eine mögliche Geschäftsschädigung der Züchter ist also nicht zu befürchten. Diese Vorgehensweise findet ihre rechtliche Grundlage in der von den Mitgliedern beschlossenen Verbandssatzung; folglich ist auch dem vereinsrechtlichen Grundsatz, dass eine Beschlussfassung über alles Wesentliche der Mitgliederversammlung obliegt, ebenso gewahrt wie die grundgesetzlich garantierte Vereinsautonomie.

Und nun haben wir gewissermaßen „den Salat“: kein ausreichendes Datenmaterial, keine Generationen übergreifenden Langzeitstudien, kein Ausschluss von Alternativ-Ursachen, keine konkreten Aussagen über den Anteil von Vererbung, Haltung, Reitweise. Statt dessen –  in typisch deutscher Manier –  vorauseilender Gehorsam gegenüber der FEIF, Kosten für die Züchter, Verunsicherung der Käufer, Rufschädigung einzelner Hengste und die Imageschädigung einer Rasse, von den rechtlichen Bedenken einmal abgesehen. War das wirklich nötig?