Islandpferdezucht

Veränderte Proportionen erhöhen das Verletzungsrisiko

Nachdem isländische Zuchtrichter und Zuchtschauleiter eine Zunahme von Greifverletzungen festgestellt hatten, untersuchte der isländische Fachautor Fridrik Mar Sirgurdsson Umfang und Ursachen im Rahmen seiner Abschlussarbeit an der Agrarhochschule Hvanneyri (vgl. Sigurdsson: Greifverletzungen bei Zuchtpferden, in „Eidfaxi International“ Oktober 2006/5 S. 54 f.). Das Ergebnis gibt Anlass zur Sorge, ist auf jeden Fall tierschutzrelevant und fordert die Verantwortlichen zum Handeln auf. Sigurdsson selbst erwähnt ausdrücklich auch die Folgen der Verletzungen, nämlich neben den akuten Schmerzen ebenso  psychische Traumatisierung und Angst bei den betroffenen Pferden. 13,7 % der 2004 und 2005 in isländischen Zuchtprüfungen gezeigten Pferde wiesen Verletzungen ernsthafter Art auf.  Da regelmäßig Schutzmaterialien verwendet werden, sei die tatsächliche Gefahr bei realistischer Betrachtung noch deutlich höher zu bewerten – so Sigurdsson. Wider Erwarten zeigte sich, dass Stellungsfehler als Ursache eher von untergeordneter Bedeutung sind. Hauptursache ist die in der letzten Zeit erfolgte Veränderung der Proportionen hin zu einer im Verhältnis zur Größe zu geringen Rumpflänge (die in der Zucht aktuell bevorzugte Tendenz zum Quadratpferd aufgrund geforderter Langbeingkeit).

Die Größe des Islandpferdes – ein kleiner Exkurs

Es muss heute wohl als gesicherte Erkenntnis angesehen werden, dass mit den Wikingern alle Stammformen unserer heutigen Hauspferderassen nach Island gelangten – sowohl die drei Ponytypen (Typ I, II und IV) als auch der im Pferdetyp stehende Ur-Iberer (Typ III). Zur Zeit der Landnahme hatten Islandpferde eine Widerristhöhe von durchschnittlich 134 cm Stockmaß mit einer Variationsbreite von 124 bis 144 cm. Heute werden Größen von 119 bis 160,5 cm gemessen. In den dazwischen liegenden tausend Jahren waren die Pferde kleiner. Das mag daran gelegen haben, dass die widrigen Lebensumstände die größeren und anspruchsvolleren Tiere gnadenlos ausmerzten. Ein Übriges wird der Laki-Ausbruch 1783/1784 getan haben. Hinzu kommt aber auch, dass nur ein bestimmtes Herdenverhalten das Überleben in der unwirtlichen Natur sicherte – die Bildung eines engen Herdenverbandes (ein Sozialverhalten, das im Typ I angelegt ist, heute vertreten durch das Exmoorpony). Der große iberische Typ (Typ III) erträgt die unmittelbare Nähe der Artgenossen nur schwer, im Schneesturm am Polarkreis eine höchst unvernünftige Verhaltensweise. Die jetzt wieder zu beobachtende gewaltigen Größenvarianz der Islandpferde zeigt, dass in ihnen nach wie vor die Erbanlagen aller Stammformen vorhanden sind (vgl. Purrucker-Ströh: Urenkel des Germanenponys oder Iberer des Nordens? in „DAS ISLANDPFERD“ Mai/Juni 2006). Dank größerer menschlicher Fürsorge und besserer Aufzucht  spielt die nicht so ausgeprägte Anspruchslosigkeit des Großpferdetyps keine Rolle mehr. Als Reitpferde sind sie ohnehin bei vielen beliebt und auch die Zucht bevorzugt ausgeprägte Reitpferde-Points. Wir werden uns an Islandpferde im Großpferdemaß gewöhnen müssen.

Die Proportionen ändern sich

Bis 1981 lag die durchschnittliche Größe des Islandpferdes bei 130 cm Stockmaß, 2004 aber schon bei 140,3 cm.  Dabei betrug die Steigerung allein in der Zeit von 1992 bis 2004 fast 4 cm – ohne dass die Pferde im gleichen Maße länger (Rumpflänge) oder tiefer (Brusttiefe) geworden wären. Länger wurden in erster Linie ihre Beine. Waren die Pferde 1992 noch im Durchschnitt  um  2,3 cm länger als hoch, so sank diese Differenz 2004 auf 0,7 cm, also um 70 % (vgl. Sigurdsson: Die Größe des Islandpferdes, in „Eidfaxi International“ Oktober 2006/5 S. 56 f.) . Proportional betrachtet sind die Pferde also deutlich kürzer, dafür aber langbeiniger geworden – erwünschtes Zuchtziel laut FIZO.  Durch den kürzeren Zwischenraum von Vorder- und Hinterbeinen und den größeren Raumgriff von langbeinigen Pferden erhöht sich die Gefahr, dass das Hinterbein das diagonale Vorderbein kreuzt und es im Ergebnis vermehrt zu Greifverletzungen kommt.

Exterieur und Verwendungszweck stehen in Beziehung

Ein weiterer Risikofaktor ist der Rennpass. Greifverletzungen nehmen mit dem Tempo und der Länge der gezeigten Strecke zu. Nun finden natürlich kürzere Pferde eher ihr Gleichgewicht und lassen sich leichter ausdrucksvoll im Tölt präsentieren. Das mag für den Viergänger auch angehen, jedoch keineswegs für den Rennpasser. Die Untersuchungen zeigen wieder einmal ganz deutlich, dass das Gebäude in erster Linie funktional betrachtet werden muss und nicht dasselbe Exterieur für jeden Verwendungszweck passend ist. Auf jeden Fall darf die Untersuchung nicht aus den Augen verloren werden. Es muss immer sorgfältig überdacht werden, wenn man der Natur „ins Handwerk fuschen“ will.