Farbvererbung

Islands Farbenvielfalt

Regelmäßig im Frühling erscheinen wieder unzählige Deckanzeigen in den Ausgaben nicht ganz so unzähliger Pferdezeitschriften. Ein gutes Pferd hat bekanntlich keine Farbe, aber eine schöne Farbe macht ein Pferd nicht schlechter. Und wer regelmäßig nicht nur die eine Zeitschrift liest und sich auch
international ein wenig umschaut, der weiß, dass Farbe gerade in der Islandpferdezucht eine immer größere Rolle spielt. Das ist durchaus positiv, denn das Islandpferd ist für mich – man mag es mir verzeihen – als älteste Pferderasse der Welt eine Art Weltkulturerbe. Und zu diesem Pferd gehört nun einmal in seiner Urspünglichkeit eine bei keiner anderen Rasse anzutreffende Farbenvielfalt. Und ich halte es auch für wert, dass all diese Farben erhalten bleiben und in die Zukunft hinüber gerettet werden. Und so verwundert es nicht, dass in den Deckanzeigen immer häufiger auch auf attraktive Farbgebung hingewiesen wird. Da wimmelt es von Vererbern, die angeblich zu 60 % Schimmel, zu 80 % Schecken oder zu 70 % Farbwechschsler vererben sollen. Ich bin darüber immer wieder erstaunt, aber dunkel dämmert es mir, dass sich schon in der Schule viele Mitschülerinnen bei Gregor Mendel und dem Schicksal seiner Vererbungsgesetze aus dem Unterricht innerlich schlichtweg ausklinkten. Dabei ist es doch ganz leicht.

Die Einzigartigkeit des Individuums

Jedes Säugetier (auch wir Menschen) besitzt für jedes Merkmal zwei Erbanlagen (Gene), eine vom Vater, eine von der Mutter. Sind beide Erbanlagen gleich, dann spricht man von reinerbig oder homozygot, sind sie verschieden, dann von mischerbig oder heterozygot. Bei mischerbigen Pferden prägt dann das dominate Gen das Erscheinungsbild ( Phänotyp) des Pferdes, das rezessive Gen ist äußerlich nicht erkennbar. Man kennt das bei Rappen (schwarzes Pigment ist dominant über nicht-schwarzes), aus ihnen fallen immer wieder Füchse, selbst dann, wenn beide Eltern Rappen sind (wenn nämlich diese Eltern mischerbig in Bezug auf schwarzes Pigment gewesen sind).

Bei der Bildung der Keimzellen teilt sich das Erbgut – sowohl Ei- wie auch Samenzelle enthalten nur einen einfachen Chromosomen-Satz (Chromosomen = Träger der Erbanlagen).

Bei der Teilung werden die unterschiedlichen Gene frei kombiniert (Gesetz von der freien Kombinierbarkeit der Gene – dass da auch anders geht, wusste Herr Mendel noch nicht, wir lassen das auch erst einmal außer Acht). Bei der Befruchtung verschmelzen Ei- und Samenzelle, das künftige Fohlen hat wieder einen vollständigen (doppelten) Chromosomen-Satz. Welche Farbe es dann hat, das hängt von dem dominanten Gen ab, eine sich rezessiv vererbende Farbe wird es nur dann haben, wenn beide Erbanlagen gleich sind. Durch dieses sich teilen und wieder verschmelzen entsteht die Individualität eines jeden Lebenwesens.

Die Skizze zeigt, dass bei nur zwei Chromosomenpaaren bereits vier Variationsmöglichkeiten bestehen, in welcher Weise das Erbgut an das Fohlen weitergegeben wird, bei drei Chromosomenpaaren sind es schon acht, bei vier Chromosomenopaaren sechzehn usw.! Tatsächlich aber hat ein Pferd 64 (!) Chromosomen. Das sind Millionen und Abermillionen Möglichkeiten, wer mag, kann das einmal ausrechnen. Nach Sponenberg (Equine Color Genetics, Iowa 2003) werden die Pferdefarben durch 11 sich unabhängig voneinander vererbenden Farbgenen hervorgerufen. Das ergibt immerhin 2.048 verschiedene genetische Farbtypen! Leider ist die deutsche Sprache sehr arm, wenn es darum geht, die Farbenvielfalt zu beschreiben. Island ist da besser. Und toll ist es einfach, englische Fachbücher zu lesen. Dort bezeichnet man die Pferde sehr creativ genauso, wie sie wirklich aussehen – Champagner, Silberrauch, Blutbraun, Schokolade, Creme, Blaufalbe usw.

Ein in Bezug auf ein Merkmal reinerbiges Zuchtpferd wird diese Erbanlage zu 100 % an seine Nachkommen weitergeben, ein mischerbiges zu 50 %. Ein Hengst kann ein Merkmal in der Vererbung also nur zu 50 % oder 100 % weitergeben, nichts dazwischen, es sei denn die Mutterstute vererbte diese Eigenschaft auch, aber das hat ja nichts mit den Erbanlagen des Hengstes zu tun. Und all die Hengste, die angeblich ihre besondere Farbe zu 60, 70, 80 oder gar 90 % weitergeben sollen, werden sicher in den nächsten Jahren ihre Quote wett machen. Es gilt das Zufallsprinzip und erst wenn ein Hengst 100 und mehr Nachkommen aufweist, wird die erwartete %-Zahl anzutreffen sein.

Erbgang der Grundfarben

Bei Pferden gibt es nur zwei Grundfarben – Rappen und Füchse – schwarzes und kein schwarzes (= rotes) Pigment. Alle anderen Farbfaktoren kommen zusätzlich (und in der Vererbung unabghängig) hinzu. Sie „verdünnen“ die vor

handene Grundfarbe (Falben, Isabellen) oder verhindern ihre Ausbreitung auf dem ganzen Körper (Braune) oder werden durch partiellen Albinismus (teilweise Pigmentlosigkeit) hervorgerufen (Schecken und Abzeichen) oder lassen das Pferd vorzeitig weißhaarig werden (Schimmel).

Die Erbanlage für schwarzes Pigment (Symbol B = Black, Symbole dominater Erbanlagen werden groß geschrieben) ist dominant gegenüber nicht schwarzem Pigment, Füchse sind also rezessiv (Symbol b, weil rezessiv gegenüber B, deshalb klein geschrieben). Dort, wo kein schrarzes Pigment vorhanden ist, ist das Fell rot (Fuchs) oder – aufgehellt – gelb (Rotfalben, Isabellen). Reinerbige Rappen bringen mit Pferde aller Farben zu 100 % Pferde mit schwarzem Pigment. Zwei mischerbige Rappen miteinandr gepaart bringen zu 50 % mischerbige Rappen, zu 25 % reinerbige Rappen und zu 25 % Füchse.

Und so vererbt sich Schimmelung dominat über Nichtschimmelung, Scheckung dominat über Nichtscheckung. Falben sind dominant über Nichtfalben. Diese Erbanlage macht den Rappen zum Mausfalben, den Brauen zum Braunfalben und den Fuchs zum Rotfalben. Braune sind dominant über Nichtbraune (aber nur, wenn gleichzeitig die Erbanlage für schwarzes Pigment vorhanden ist, Füchsen sieht man nicht an, ob sie auch Braune vererben können).

Wind in Islands Mähnen

Wunderschön und – wenn das Pferd denn gut ist – sicher wertsteigernd ist Windfarben. Als windfarben bezeichnet man braune Pferde mit Silbermähnen, im englischsprachigen Raum spricht man vom Silberfaktor. Das entsprechende Gen ist einfach dominat. Wenn also auch nur ein Elternteil die entsprechende Erbanlage vererbt hat, ist das Fohlen windfarben. Man sieht ihm äußerlich nicht an, ob es reinerbig oder mischerbig ist, ob es also auch vom zweiten Elternteil die das entsprechende Gen „mitbekommen“ hat. Das wird sich erst bei seinen Nachkommen zeigen. Voraussetzung ist allerdings, dass auch schwarzes Pigment vorhanden ist, sei es in Form eines Rappen, eines Braunen, eines Maus- oder Braunfalben. So können Füchse, Rotfalben oder Isabellen ohne weiteres sogar reinerbige Träger dieses Gens sein und es zu 100 % vererben, ohne dass das Erscheinungsbild darauf schließen ließe. Kurz gesagt, der Silberfaktor wirkt sich nur dann aus, wenn er auf schwarzes Pigment trifft.

Wenn die Farbe im Laufe der Jahreszeiten wechselt

Ganz selten – und sehr gefragt – sind zur Zeit Farbwechsler. Das Fell dieser Pferde ist gewissermaßen von vielen weißen Haaren durchzogen. Je nachdem, ob das Pferd Sommer- oder Winterfell trägt oder sich gar im Fellwechsel befindet, variiert die Farbe zwischen der Grundfarbe und dessen silbriger Aufhellung, sodass die Pferde im Sommer fast wie junge Schimmel wirken können. Dieser Faktor ist ebenfalls einfach dominat. Er hat aber eine Besonderheit. Homozygot wirkt er lethal (tödlich), das heißt, reinerbige Farbwechsler sterben im frühen Embryonalstadium ab. Es gibt bei Islandpferden keine reinerbigen Farbwechsler. Nach Sponenberg (Equine Color Genetics, Iowa 2003) sollen sie aber bei spanischen Mustangs vorkommen. Züchtern sei daher angeraten, trotz der Attraktivität dieser Färbung niemals eine Farbwechsler-Stute einem gleichfarbigen Hengst zuzuführen, anderenfalls hätte er mit 25 % Ausfall zu rechnen, mit 50 % Farbwechslern (heterozygot) und mit 25 % einfarbigen Pferden. Da ein Farbwechsler (immer heterozygot) diese Erbanlage immer auch zu 50 % weiter gibt, bringt eine gleichfarbige Anpaarung keinen Vorteil, sondern nur den Verlust eines Viertels der Nachkommen, die bei Anpaarung mit einem einfarbigen Pferd eben als einfarbige geboren wären.

Die Lichtgestalten unter den Pferden

Ebenfalls sehr attraktiv – jedenfalls für diejenigen, die Freude daran finden, ihre Pferde regelmäßig zu waschen – sind Isabellen. Das Isabell-Gen vererbt sich unvollständig dominant. Es hellt das rote Pigment der Grundfarbe bei heterozygoten Individuen zu lichtem Gelb auf. Braune werden zu Milchkaffeefarbenen mit dunklen Mähnen, sogenannte Erdfarbene oder (isländisch) Moldis, oft fälschlich als Falben bezeichnet. Aber mit den allen bekannten „Kolskeggur-Falben“ hat das nicht das geringste zu tun. Bei tiefschwarzen Pferden bleibt das Isabell-Gen ohne Auswirkung. Nun sind tiefschwarze Islandpferde außerordentlich selten. Bei den meisten Rappen handelt es sich eher um Schwarzbraune oder um helle Sommerrappen. Bei ihnen ist – wenn auch ganz gering – ein kleiner Rotanteil vorhanden. Sie erscheinen dann bei Vorliegen dieses Gens als leicht aufgehellte Rappen mit bernsteinfarbenen Augen. Wohl bekanntester Vertreter dieser hellen Rappen mit Bernsteinaugen war „Frodi fra Asgeisbrekku“, dessen Vater der Isabell „Lysingur fra Vodmulastödum“ war. „Frodi“ hatte unter seinen Kindern so auch sehr viele Isabellen. Homozygot führt das Isabellgen zu cremeweißen Pferden mit hellblauen Augen, sogenannten Pseudo-Albinos (Cremellos). Wer sich davor fürchtet, der vermeidet eben die Anpaarung zweier Isabellen. Für diejenigen, die gezielt Isabellen züchten möchten, kann ein solcher Cremello durchaus sinnvoll sein, um – mit Füchsen – zu 100 % Isabellen zu produzieren. Natürlich nur dann – das muss immer wieder betont werden – wenn Reiteigenschften, Interieur und Exterieur stimmen.

Fazit

Ob man Farbe züchten möchte oder nicht, bleibt den Vorlieben und der Verantwortung eines jeden Züchters selbst überlassen. Möglich ist es. Die Vererbung der einzelnen Farben ist im Wesentlichen geklärt. Erste Voraussetzung muss aber immer die Qualität des Pferdes sein. Mit einer attraktiven Farbe zu werben ist sicher legitim, nur möchte ich nie mehr von Hengsten lesen, die ihre Farbe zu anderen Prozentsätzen als 50 oder 100 vererben. Und all denjenigen, die berechtigterweise ein gutes Pferd keine Farbe hat, schadet eine Auseinandersetzung mit den Vererbungs-Grundsätzen sicher nicht, denn wie die Farbe vererben sich auch alle anderen qualitativen Merkmale nach denselben Regeln – nur sehr viel komplizierter. Denn Tölt ist nicht einfach dominant über Nicht-Tölt, sondern von einer Vielzahl von sich unabhängig voneinander vererbenden Genen abhängig und der Erbgang liegt zumeist noch im Dunkeln.