Pferdezucht – theoretisch betrachtet

Die Bedeutung der Linienzucht für die Entstehung der Leistungspferderassen

Pferdezucht ist nicht nur Wissenschaft, sondern in erster Linie Handwerk, ein edles dazu. Trotzdem sind einige theoretische Grundkenntnisse nicht von Schaden und dürften bei dem einen oder anderen Leser auf Interesse stoßen. Für den engagierten Züchter ist eine Auseinandersetzung mit weiterführender Literatur unabdingbar.

Ein Landschlag ist noch keine Rasse

Heute tritt uns das Pferd in seiner vielfältigsten Ausgestaltung entgegen. Wir unterscheiden unzählige Rassen. Aber was ist eine Pferderasse? Und ist unser Islandpferd überhaupt eine Rasse?
Rassen bilden zoologisch die Unterteilungen einer Art. Zu einer Art – hier Pferd – werden alle jene Tiere zusammengefasst, die in ihrem Erbgefüge, der Zahl ihrer Chromosomen und dem Plasma so einheitlich sind, dass sie untereinander fruchtbare Nachkommen haben (das ist nicht der Fall bei Maultieren und Mauleseln). Innerhalb der Art findet eine Aufgliederung nach Rassen für die Tiergruppen statt, die sich aufgrund bestimmter Eigenschaften (Erbanlagen) zu einer Grundeinheit, einer Population zusammenfassen lassen. Im übrigen unterliegt die Abgrenzung einer Rasse nach ihren speziellen Merkmalen durchaus subjektivem Ermessen, wobei Zweckmäßigkeit, Herkommen und sogar der Zufall eine entscheidende Rolle spielen.
Rasse, wie wir diesen Begriff heute verstehen, setzt einen gewollten „Schöpfungsakt“ voraus: Aufstellung eines Rassestandards (Zuchtziel), zuchtbuchmäßige Erfassung und Selektion anhand des Rassestandards. Dem ging zunächst eine auf geografischen Gegebenheiten beruhende Entwicklung voraus. Eine ähnliche Umwelt ist vielfach die Voraussetzung dafür. Tiergruppen, unter geografischen Gegebenheiten entstanden, werden Landrassen oder Landschlag genannt (1). Natürlich haben Menschen schon von Alters her Pferdezucht betreiben. Die Möglichkeiten waren jedoch durch die lokale Abgeschiedenheit der einzelnen Gebiete stark eingeschränkt. Die Zuchtwahl nach erwünschten Leistungsmerkmalen war durch fehlende Transportmöglichkeiten eingegrenzt.  In jeder Region entstanden für sie typische Landschläge, die sich mehr oder weniger deutlich von denen anderer Gebiete unterschieden. Somit können auch die ursprünglichen und regional entstandenen isländischen Zuchtlinien durchaus als Landschläge begriffen werden. Hornafjördur und Svadastadir seien hier als bedeutendste Blutlinien herausgegriffen. Eine echte Rassebildung ist auch in Island – wie auf dem Kontinent – erst viel später erfolgt.
Als Zeitalter der Rassenbildung kann man eigentlich erst das 18. Jahrhundert begreifen. Aus der Sichtweise des ausklingenden Barock kann die Natur erst durch die Schöpfungskraft des Menschen zur vollen Entfaltung gebracht werden (2). Aus dieser Zeit mag das französische Sprichwort stammen: „Die Natur schafft das Fohlen, der Mensch das Pferd“. Gedanken der Aufklärung ließen auch die Tierzüchter theoretische Überlegungen vor die altbewährte Praxis stellen. Pionier der Haustierzucht ist der Engländer Robert Bakewell (1725 – 1795). Er ist Begründer dreier bedeutender Rassen: des Shire-Pferdes, des Longhorn-Rindes und des Leicester-Schafes. Er entwickelte vollständig neue Zuchtmethoden, indem er seine Zuchttiere in der gesamten westlichen Welt einkaufte und sie nach den Eigenschaften aussuchte, die am ehesten seinem Zweck entsprachen. Um aus diesen verschiedensten Tieren einen Typ zu konsolidieren, betrieb er Inzucht über mehrere Generationen hinweg, wobei er unerwünschte Tiere nicht weiter zur Zucht verwendete. Außerdem führte er eine systematische Nachkommenprüfung ein und bildete Zuchtvereine (3). Es begann das Zeitalter der Stammbuchgründung. 1791 erschien das erste Stammbuch für das englische Vollblut. Mit der Stammbuchgründung wurde regelmäßig ein Rassestandard formuliert, der das Zuchtziel der jeweiligen Rasse definierte und Kriterien für die Beurteilung und Eintragung lieferte (4). Demnach kam es beim Islandpferd erst im 20. Jahrhundert unter Gunnar Bjarnason (Zuchtleiter ab 1940) zu einer echten Rassebildung, als ein Zuchtziel formuliert wurde und anhand dieses Zuchtziels  Bewertungen vorgenommen wurden. Im 18. und 19. Jahrhundert hatte Island andere Sorgen als sich gezielt den Luxus einer Leistungspferdezucht zu leisten. Wirtschaftliche Not und Fremdherrschaft waren die Probleme der Zeit. Und die heimischen Pferde genügten den damaligen Anforderungen an ein Gebrauchspferd voll und ganz.
Ins 18. Jahrhundert reicht auch die Zucht des ostpreußischen Pferdes (Hauptgestüt Trakehnen) zurück. Der dort vorgefundene Landschlag eines kleinen Bauernponies, dem Panje-Pferdchen ähnlich, wurde mit orientalischen und englischen Vollbluthengsten veredelt (5), wobei sich Landstallmeister Graf Burgsdorf viel Kritik gefallen lassen musste, weil er dem Araber eindeutig den Vorzug gab (6). Vielleicht erklärt sich daraus, dass Trakehner oft „Probleme mit der  Größe“ hatten, was zur Einführung von Mindestmaßen führte. Diese Probleme hatten die anderen Warmblutrassen nicht. Sie gehen ursprünglich auf schwere (und größere) neapolitanische und andalusische Pferde und natürlich auch wieder vollblütige Veredlerhengste zurück (7). Das Kaliber der Barock-Pferderassen ist nicht im iberischen Urpferd angelegt, sondern entstand erst später durch die Verkreuzung mit nordischen Pferden. Dabei ist noch nicht geklärt, ob das Mossbachpferd  noch eine Rolle spielen könnte. Bei ihm handelt es sich um ein 180 Stockmaß großes eiszeitliches,  dem Shire-Horse ähnliches  Pferd, das in der selben Eisschicht wie das Mammut gefunden wurde. Man nimmt allgemein an, dass sein Erbgut vollständig ausgestorben ist. Allerdings wurde beim portugiesischen Lusitano ein zusätzlicher Mitochondrien-DNA-Typ gefunden, der nicht mit dem des Andalusiers (und auch keinem anderen) identisch ist und den man noch nicht zuordnen kann. Aber das nur am Rande. Die Zukunft der genetischen Forschung wird auf jeden Fall interessant.
Übertragen wir die Voraussetzungen einer Rassebildung (jedenfalls Zuchtzielbeschreibung und Bewertung anhand des Rassestandards)  auf das Islandpferd, dann ist es also wohl erst im 20. Jahrhundert zu einer solchen gekommen. Jedenfalls gab es in Island 1913 noch keine geregelte Pferdzucht (8). Eine Art Herdbuchführung soll es nach Hugason in Island zwar schon ab 1923 gegeben haben (9). Die Erstellung eines regulären Zuchtzieles führt er allerdings erst auf Beschlüsse der Landwirtschaftsversammlung (Bunadarthing) im Jahre 1951 zurück (10). Natürlich gibt es auch einige sehr alte deutsche Pferderassen und  frühe Zuchtvereine der Landespferdezuchten, aber der Holsteiner und der Hannoveraner Verband wurden z. B. in ihrer heutigen Form auch erst um 1930 gegründet (11). Der Isländer Gunnar Bjarnason hatte auf dem Kontinent studiert. Für seine Zeit war er eigentlich recht modern. Modern war die isländische Zucht unter seiner Leitung schon deshalb, weil anfangs sofort das Reitpferd in den Mittelpunkt der züchterischen Überlegungen gestellt wurde und die zu beurteilenden Pferde von den Richtern auch unter dem Sattel probiert wurden, um einen Eindruck von Charakter und Temperament zu erhalten (12), während die deutschen Pferdezüchter für die Selektion noch vorrangig die Präsentation an der Hand genügen ließen. Der isländische Fremdreitertest war eine einzigartige Idee, zu der man in der Warmblutzucht erst sehr viel später überging. In der Islandpferdezucht hat er leider an Bedeutung verloren, obwohl er inzwischen bei den warmblütigen Leistungspferderassen selbstverständlicher und gewichtiger Bestandteil der Bewertung ist, zumal die Rittigkeit eine deutliche Heritabilität aufweist (13).
Mit der zuchtbuchmäßigen Erfassung und der Selektion war das aber (vielleicht zum Glück?) in Island so eine Sache. Papiere in unserem Sinne wurden erst beim Export der Pferde ausgestellt. Und schriftlich erfasst nur die geprüfte Tiere. Als es in Deutschland noch den Körzwang gab (nicht gekörte Hengste mussten kastriert werden – ein Schicksal, das dem Töltmeister und bewährten Vererber „Rodi fra Skardi“ fast widerfahren wäre), konnten die freien isländischen Bauern genau das züchten, was sie für richtig hielten, ob es dem jeweiligen Zuchtberater nun gefiel oder nicht. Große Züchter haben dabei oft gegen alle wohlmeinenden Ratschläge an ihrer Zuchtidee unbeirrt festgehalten und damit berühmte Zuchten begründet. Es ist in der Pferdezucht wohl so wie überall: Innovation und eigenwillige Individualität sind es letztlich, die eine Sache vorantreiben. Ohne diese bleibt vieles im langweiligen Mittelmass. Danken wir also der Eigenwilligkeit der isländischen Bauern, die entscheidend zum heutigen Leistungsprofil der Rasse beigetragen haben und möge sie ihnen erhalten bleiben.

Der Mönch und die Pferde

Der Mönch Gregor Mendel  (1822 – 1884) hatte als Begründer der modernen Genetik herzlich wenig mit Pferdezucht zu tun. Er entwickelte seine Vererbungsgesetze durch Beobachtungen bei der Zucht mit der Gartenerbse. Gleichwohl gelten die von ihm festgestellten Gesetzmäßigkeiten in der gesamten Tier- und Pflanzenwelt (und auch beim Menschen). Leider ist das Erbgefüge von Mensch und Tier um vieles komplizierter und komplexer als das Erbgut der Erbse und weitgehend noch nicht entschlüsselt. Zudem werden die einzelnen Merkmale von einer Vielzahl von Genen bestimmt, nicht nur von einer einzigen Erbanlage. Deshalb hilft sich die moderne Genetik mit einem statistisch errechneten Wert, der so genannten Heritabilität.
Das Erscheinungsbild eines Individuums entsteht durch die genetisch fixierte Veranlagung und Umwelteinflüsse. Die Heritabilität (0,0 bis 1,0) gibt jetzt den Vererbungsgrad an, quasi die „Verantwortlichkeit“ der Gene.

Wenn eins das andere bedingt

Unterschiedliche Merkmale können sich Gegenseitig bedingen. Das nennt man Korrelation ( – 1,0 bis + 1,0). Eine negative Korrelation von – 1,0 würde bedeuten, dass ein Pferd, bei dem das Merkmal x vorliegt, zwangsläufig nicht das Merkmal y aufweisen kann (Ein Fuchs kann niemals schwarzes Pigment haben). Umgekehrt muss bei einer positiven Korrelation + 1,0 auf jeden Fall auch das Merkmal y vorhanden sein (Ein Brauner hat zwangsläufig immer schwarzes Pigment). Bei einer Korrelation von 0,0 sind beide Merkmale unabhängig voneinander (Ein Schimmel kann schwarzes Pigment haben oder auch nicht). Aus der Warmblutzucht weiß man, dass Springeignung und Dressureignung negativ korreliert sind. Und man hat auch festgestellt, dass bestimmte Gebäudemerkmale in negativer Korrelation zur Springeignung stehen. Das bedeutet, dass die Warmbluzucht ein Gebäude positiv bewertet, dass für Dressurpferde funktional ist, nicht aber für Springpferde. Und das bedeutet auch, dass eine Orientierung an einem subjektiv als schön empfundenen Gebäude den Zuchtfortschritt für einem bestimmten Verwendungszweck hemmen kann, dass sich Gebäudebewertung immer an der Funktionalität und dem jeweiligen angestrebten Leistungsziel orientieren muss. Auch wir wissen intuitiv, dass ein Viergänger anders aussieht als ein  Fünfgänger, erst recht ein Rennpasser. Wir werden durch unser Bestreben nach Schönheit nicht die biolgischen Voraussetzungen für bestimmte Gangverteilungen ändern können. Zudem ergibt ergibt sich die Wertnote aus einer Vielzahl von Merkmalen. Man weiß nicht, ob für Hals/Schulter/Brust die 8,5 vorrangig gegeben wurde, weil der Hals besonders gut geformt ist oder die Schulter lang und schräg. Jedes einzelne Merkmal wird aber von einer Vielzahl von Genen verursacht. Es gibt nicht das Hals/Schulter/Brust – Gen. In anderen Zuchten werden deshalb Stimmen laut, die zumindest für das Gebäude eine wertungsfreie lineare Beschreibung fordern (z. B. Schulter schräg – mittelschräg – steil / Halsansatz hoch – mittel – tief usw.). Aus den sich dann ergebenden Korrelationen könnten  brauchbare Rückschlüsse auf eine korrekte, d. h. Funktional richtige Gebäudebeurteilung gezogen werden.
Selbst Gangbeurteilungen wären einer linearen Beschreibung zugänglich. In Island hat man eine mittlere Korrelation zwischen Tölt und Trabnoten festgestellt. Das verwundert nicht, ermöglicht aber tierzüchterisch auch keine verwertbare Aussage, werden doch beide Noten wesentlich von Energie, Elastizität, Raumgriff und Bewegungspotential geprägt. Sinnvoller Weise würde man die einzelnen Komponenten, ergänzt durch natürlichen Takt, Gangtrennung und – sicherheit linear beschreiben, den perfekten Tölt gewissermaßen aus Bausteinen zusammen setzen.

(Fast) alles liegt in den Genen

Auch in der Pferdezucht ist die Erkenntnis wesentlich, dass die Erbanlagen an die so genannten Chromosomen gebunden sind, die in jeder Körperzelle vorhanden sind. Das Pferd besitzt 32 Chromosomenpaare (64 Einzelchromosomen), auf denen wiederum zahlreiche Gene (Erbanlagen) lokalisiert sind (auf dem so genannten genetischen „locus“). Bei der Bildung der Keimzellen (Ei- bzw. Samenzelle) zerfallen de Chromosomenpaare in Einzelchromosomen (Einfacher Chromosomensatz in den Keimzellen). Nach jeder Verschmelzung von Ei- und Samenzelle vereinigen sich die Chromosomen zu Paaren (doppelter Chromosomensatz) nach dem Gesetz des Zufalls, es entsteht eine nicht zu überschauende Vielzahl von  Kombinationsmöglichkeiten. (14). Daraus erklärt sich auch die Verschiedenartigkeit selbst von Vollgeschwistern. Wegen der Vielzahl von Erbfaktoren (beim Pferd geschätzt 25.000 bis 30.000) ist eine Homozygotie (Reinerbigkeit) praktisch nicht möglich, wenngleich es  natürlich zur Gewinnung von sicherer Vererbungskraft höchstes – wenn auch nie vollkommen erreichbares –  Ziel sein muss. Nach diesem Grundsatz vererben sich nicht nur Körper-, sondern auch Leistungs und Charaktermerkmale. Wobei bei den Leistungsmerkmalen (und wohl auch Interieur) eine Abgrenzung zwischen genetisch bedingter Leistung und Umwelteinflüssen (Aufzucht, Haltung, Ausbildung, Reiter) kaum möglich ist. (15). Es gehört trotzdem zu den wesentlichen Aufgaben der Zucht,  Möglichkeiten einer besseren Determinierung von Leistungsveranlagung zu finden (16). Zu beachten ist aber, dass die Gene selbst nicht durch züchterische Einflüsse verändert werden können. Zuchtfortschritt erfolgt nur auf einer immer idealeren Kombination der Gene.

Manchmal übertreffen die Kinder ihre Eltern

Große züchterische Erfolge der  Warmblutucht sind  der Tatsache zu verdanken, dass innerhalb der Rassen überwiegend Reinzucht betrieben wurde und auf diese Weise das Erbgefüge innerhalb der jeweiligen Population konsolidiert (einheitlich gestaltet) wurde. Beim Islandpferd sind die alten Linien einer solchen Population gleich zu setzen. Wir alle wissen, wie früher ein Hornafjördur-Pferd, ein Kolkuos-Pferd, ein Kirkjubaer- oder ein Hindisvik-Pferd aussah. Sie stellten unverwechselbare Exemplare einer bestimmten Zuchtrichtung dar.
Grundsätzlich kann man aus Pferden unterschiedlichen Typs und unterschiedlicher Herkunft in der ersten Kreuzungsgeneration (F1 Generation) gute Leistungspferde züchten, aber es wird den Pferden eine für die Weiterzucht erforderliche Konsolidierung des Anlagenkomplexes fehlen, die erst eine größere züchterische Sicherheit ermöglicht. Wenn Kreuzungszucht in erster Linie die Erzeugung von Gebrauchspferden bezweckt, ist sie eine auf den Augenblick gerichtete durchaus Erfolg versprechende Zuchtmethode. Dabei kann auch der so genannte Heterosiseffekt (Luxurierung der Bastarde) eine Rolle spielen. Dieser Effekt bedeutet, dass die Nachkommen besser werden als beide Eltern. Über den genetischen Hintergrund – BLUB hin oder her –  sagt dies aber kaum etwas aus, da in der nächsten Generation die Erbanlagen wieder aufspalten und das Ergebnis schwer prognostizierbar ist.
Am eindrücklichsten machen Engländer und Iren in der Hunterzucht vom Heterosiseffekt Gebrauch, indem sie Stuten schwerer (sogar kaltblütiger) Landschläge mit Vollbluthengsten anpaaren. Eine Weiterzucht mit diesen so genannten Gebrauchskreuzungen ist dabei nicht beabsichtigt. Es ist auch beim Islandpferd einfach eine allgemein bekannte Tatsache, dass nicht viele Vertreter der reinen Linien leistungsmäßig hervortraten, aber ihre Nachkommen, gekreuzt mit anderen Linien, die Ranglisten anführten. Will man jedoch mit den Nachkommen weiterzüchten, dann empfiehlt sich eine sorgfältig abgewogene Rückpaarung mit geeigneten reinblütigen Pferden über mehrere Generationen (17).  Es gibt natürlich durchaus Beispiele dafür, dass auch durch Rassenkreuzungen züchterisch hochwertige Produkte entstehen können, aber in aller Regel muss man in den Nachfolgegenerationen mit größeren Aufspaltungen in der Merkmalsveranlagung rechnen, vor allem dann, wenn es sich bei beiden Elterntieren um F1-Produkte handelt (18). Ein gutes Beispiel dafür ist die Wunderstute  „Halla“, die über hundertmal in schweren Springprüfungen siegte und der Deutschen Springreiter-Equipe 1956 die Goldmedaille in Stockholm bescherte, als sie mit ihrem verletzten und vor Schmerz halb ohnmächtigen Reiter im Sattel den Olympia-Parcour praktisch allein bewältigte. In der Zucht versagte sie.  „Halla“ stammte von einem Traber-Hengst und einer „Beute-Stute“ unbekannter Abstammung, die ein deutscher Offizier aus Frankreich mit brachte (19). Mit wem hätte man sie auch sinnvoll anpaaren sollen, den Blutanschluss finden, um ihr einzigartiges Springtalent zu erhalten? Renntraber wollte man schließlich nicht züchten.
Nun verbietet sich ja beim Islandpferd ohnehin eine Einkreuzung anderer Rassen. Aber die oben genannten Grundsätze müssen auch dann Anwendung finden, wenn Pferde sehr unterschiedlicher (ihrerseits durch Reinzucht entstandener) Blutlinien (20) mit klar definierten Unterscheidungskriterien angepaart werden. Damit verbundene Gefahren wurden insbesondere von dem früheren isländischen Zuchtberater Gunnar Bjarnason klar erkannt (21). Es ist schade, dass im Zuge der Begeisterung über den Zuchtfortschritt die Linienzucht aus der Mode gekommen ist (die doch auch in Deutschland viele Liebhaber gefunden hatte) und es steht zu befürchten, dass jetzt für einige Zeit Stagnation eintritt. Da die alten Linien praktisch nicht mehr vorhanden sind, muss jetzt eine Konsolidierungsphase eintreten, durch Verwandtschaftszucht (Blutanschluss) auf bewährten Vererbern müssen neue Linien entstehen mit gesicherter Vererbungskraft. Dabei ist dringend auf die Erhaltung unterschiedlicher Typen zu achten, neue Linien müssen sich deutlich von einander unterscheiden. Bei einer  selektiven Reduktion der genetischen Varianz entsteht sonst ein so genanntes Selektionsplateau, das bei geschlossenen Populationen wie der des Islandpferdes irreversibel ist und weiteren Zuchtfortschritt ab Erreichung des Plateaus nur durch Fremdbluteinkreuzung ermöglicht, was dem Islandpferdezüchter wegen des Reinblütigkeitsgebotes verwehrt ist. (22).

Blut ist nun mal dicker als Wasser

Eine große Bedeutung hat in der züchterischen Planung die Abstammung, besonders beim Einsatz von jungen noch nicht bewährten Zuchttieren. Die Erfahrung hat die Züchter gelehrt,dass einzelne Zuchttiere in ihrer Vererbung im Vergleich zu anderen eine besondere Durchschlagskraft besitzen. Deshalb beeinflussen gestern wie heute  Blutlinien das züchterische Denken. Derartige Linien prägen oft mehrere Generationen hindurch durch charakteristische und spezielle Eigenschaften. Ursache ist zuweilen der Zufall, aber im wesentlichen führten systematische Anpaarungnen zu dem gewünschten Erfolg, nämlich der Schaffung von erbtreuen Individuen innerhalb einer Rasse (23). Theoretisch können solche Fälle  dann eintreten, wenn es gelingt, eine möglichst weitgehende Homozygotie zu erreichen. Eine solche Reinerbigkeit ist zwar bei dem vielfältigen Anlagenkomplex des Pferdes  umfassend nicht zu erreichen, wohl aber für einzelne die Rasse bestimmenden Merkmale (24).
Einer der wichtigsten Vererber Islands ist in jüngster Vergangenheit sicher der aus einer Vollgeschwisteranpaarung stammende Ofeigur fra Flugumyri (882) gewesen. Noch sein Enkel Kolskeggur fra Asmundarstödum besitzt soviel Vererbungskraft, dass er der norddeutschen Islandpfedezucht über Jahre seinen unverwechselbaren „Stempel aufdrücken“ konnte.
Für bestimmte Linien in der Pferdezucht hat Inzucht eine besondere Bedeutug gehabt. Durch Verwandtschaftszucht sind Linien gebildet und verfestigt worden.  Fast alle Hengste, die nachhaltigen Einfluss auf die Leistungspferdezuchten hatten, entstammen gemäßigter Inzucht, die meisten von ihnen weisen einen Blutanschluss in der 2. bis 4. Generation auf. Selbst bedeutende Vererber aus Inzestzucht sind bekannt, wobei diese wegen des Risikos  der Inzuchtdepression (rezessive negative Erbanlagen treten in Erscheinung) eher selten praktiziert wird (25). In der Holsteiner Zucht wurde beispielsweise der aus einer Halbgeschwisterpaarung hervorgegangene  „Achill 1265“ zu einem bedeutenden Linienbegründer (26). In der Trakehner Zucht wurden mit dem Orientalen „Turk Main Atty“ erfolgreich systematische Verwandtschaftspaarungen durchgeführt. Bis in die jüngste Zeit gibt es zahlreiche Beispiele für einen positiven Ausfall engster Inzucht, ja sogar Inzestzucht. Zur Konsolidierung des Erbgutes bei gleichzeitiger Vermeidung von negativen Inzuchtauswirkungen werden deshalb gemeinsame Ahnen in der 2. und 3. Ahnenreihe als optimal angesehen (27).
Darstellung der Linie
Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass wir viel aus alten Überlieferungen lernen können. Gerade um das arabische Pferd ranken sich  Mythen, Sagen und Legenden. So fing Ismael, der Sohn Abrahams und Hagars eine wilde Stute ein und zähmte sie. Die Stute war tragend und brachte ein Hengstfohlen zur Welt. Ismael führte die Stute  ihrem eigenen Sohn zu. Die daraus gefallenen Fohlen paarte er wiederum untereinander an. Daraus soll der reinste Stamm der Araber, Kuhaylan, entstanden sein. Viele hundert Jahre später führte Mohammed einst seine große Stutenherde an den Fluss, um sie zu tränken. Als er kurz darauf die Trompete zum Kampf blasen ließ, wandten sich fünf von ihnen, ohne zu trinken, ab und folgten dem Ruf ihres Herrn. Diese Stuten machte der Prophet zu den Stammmüttern der asilen (= rein) Araber (28). Legenden oder uraltes züchterisches Wissen um die Bedeutung der Linienzucht
Das beste und extremste (und nachgewiesene) Beispiel für die Bedeutung von Linienzucht ist das englische Vollblut, wobei als bekannt vorausgesetzt wird, dass alle Pferde dieser weltweit verbreiteten Rasse ausnahmslos auf 3 Hengste „Byerley Turk“ (wahrscheinlich ein Turkmene), „Darley Arabian“ (Arabisches Vollblut) und „Godolphin Barb“ (Berber) sowie die begrenzte Anzahl von knapp 50 Stuten (die Angaben in der Literatur schwanken zwischen 45 und 50) zurückgehen. Der 1764 geborene und Zeit seines Lebens ungeschlagene „Eclipse“, Nachkomme des „Darley Arabian“, ist dabei der Stammvater von 85 % aller Vollblüter. Das Stutbuch wurde 1793 geschlossen. Man nimmt heute an, dass 81 % der Vollblutgene von nur 31 Vorfahren stammen (29).
Nachdem man in Island und den das internationale System der FIZO verendenden FEIF-Länder spätestens seit Einführung des BLUP Systems zur (überwiegenden) Selektion nach Leistung übergegangen ist, haben sich die dort ursprünglich vorhanden alten Linien vermischt und sind rein kaum noch vorhanden. An ihre Stellen sind andere, meist mischblütige mit hohen BLUP-Werten belegte Vererber getreten, die ihrerseits anscheinend geeignet sind, neue Linien zu begründen. Zu Blutlinienbegründern werden Hengste mit einer deutlich überdurchschnittlichen Vererbungskraft, die ihren Nachkommen gewissermaßen einen „Stempel aufdrücken“. Man spricht hier von Individualpotenz. Zurückgeführt wird die Individualpotenz darauf, dass diese Hengst in bestimmten Leistungsmerkmalen Homozygotie des Erbgutes aufweisen. Individualpotenz kann zwei bis drei Generationen prägen. Deutlich sehen wir dies an Hengsten wie z. B. Hrafn fra Holtsmuli, Ofeigur fra Flugumyri oder Orri fra Thufu. Weil sich die in den Stempelhengsten vorhandene Homozygotie bei Anpaarungen mit anderen Linien wieder aufspaltet, verebbt der Einfluss in der vierten und fünften Generation, es sei denn, man suchte wieder den Blutanschluss an verwandte Tiere (Inzucht), um das positive Erbgut des Linienbegründers zu konsolidieren (30). Dieser wichtige Aspekt darf auch in der modernen Zucht nicht außer acht gelassen werden (31), um auf Dauer die züchterischen Erfolge der jüngsten Vergangenheit zu erhalten und zu festigen. Gerade die Leistungspferdezuchten haben gezeigt, dass  Zuchtfortschritt  nur dann zu dauerhaften Erfolgen führt, wenn nach jeder Fremdblutzufuhr eine Konsolidierungsphase durch Reinzucht und Verwandtschaftszucht stattfindet (32).
Es steht zu hoffen, dass sich die Islandpferdezüchter auf die Erfahrungen der Zuchtgeschichte besinnen und in einer länger dauernden Konsolidierungsphase das Erbgut der Spitzenhengste der jüngsten Vergangenheit festigen und Vererbungssicherheit herbei führen. Zuchtwertschätzung ist interessant, setzt aber die Gesetzmäßigkeiten der Tierzucht nicht außer Kraft.

Quellen und Literatur

(1) Löwe, Hans / Meyer, Helmut: Pferdezucht und Pferdefütterung, Stuttgart 1974, S. 26.
(2) Wiesner, Jutta: Ausbildung und Wertbeurteilung von Barockpferden, 13. SVK Hippologentagung, Neustadt-Dosse, April 2005.
(3, 4) Johansson, Rendel, Gravert, Haustiergenetik und Tierzüchtung, Hamburg-Berlin 1966, S. 14/15/16; Purrucker-Ströh, Die Geschichte der Pferdezucht, in „Das Islandpferd“ 1975, Nr. 15, S. 16/16.
(5) Schön, Dieter: Praktische Pferdezucht, Stuttgart 1983, S. 43.
(6) Köhler, Hans-Joachim: Pferdekenner und Fehlergucker, Verden 1983, S. 142.
(7) Schön, a.a.O. S. 43
(8) Gudridur Arnardottir: Wach ist das Auge des Gastes, in „Eidfaxi International“ Februar 2006, S. 52 – 55; Schrader, Georg F., Pferde und Reiter in Island, Akureyri 1913
(9, 10) Hugason, Kristin: Pferdezucht in Island, in „Das Islandpferd“ Nr. 43 Januar / Februar 1995, S. 5, 7, 9.
(11) Holsteiner Gestütsbuch, Band 13, Elmshorn 1938, S. 5 – 7;  Köhler, Hans-Joachim, Hannoversche Pferde, Verden 1977.
(12) Isenbügel, Ewald: das Isländische Pony, Zürich 1966.
(13) Meinardus, Heiko: Züchterische Nutzung von Turniersportprüfungen für Zuchtpferde, 2. Auflage, Warendorf 1991; von Velsen-Zerweck, Astrid: Integrierte Zuchtwertschätzung für Zuchtpferde, Warendorf 1999.
(14) Purrucker-Ströh, Karin: Zum Verständnis von Mendel und seinen Gesetzen, in „Das Islandpferd Nr. 105  Mai / Juni 2005, S. 16 – 19; dies.: So selten wie die blaue Mauritius, in „das  Islandpferd“  Nr. 98 März / April 2004, S. 14 – 16.
(14, 15, 16, 17, 18) Löwe/Meyer, a.a.O. S. 159/160.
(19) Winkler, Hans-Günther: Halla, Verden 1960, S. 14.
(20) Nordland, Agnar: Reiner geht’s nicht mehr – 100 Jahre Reinzucht auf Hindisvik, in „Das Islandpferd“ Nr. 27 Mai / Juni 1992, S. 14 – 16.
(21) Becker, Ullu: Dank an einen großen Isländer und Pferdemann, in „Das Islandpferd“ Nr. 66 November / Dezember 1998, S. 11.
(22) Sommerfeld-Stur,  Irene, Institut für Tierzucht und Genetik, Universität Wien, Vorlesungs-Skript, Wintersemester 2004/2005.
(23, 24, 25) Löwe/Meyer,  a.a.O.  S. 158 – 160, 163, 163.
(25) Schön, a.a.O. S. 168 bis 171.
(26, 27) Löwe/Meyer, a.a.O.  S. 43 f, 66, 164.
(28) Isenbart/Bührer: Das Königreich des Pferdes S. 46 f.
(29) Hoffmann, Heiko: Wertbeurteilung des Vollblutpferdes, 12. SVK Hippologentagung, Neustadt-Dosse, Mai 2004.
(30) Schlie: Der Hannoveraner, Schriftenreihe der Deutsche Gesellschaft für Züchtungskunde, Bonn 1967, S. 38 f.
(31) Bahl, Imke/ Podlech, Bruno: Keine Zucht ist manchmal besser, in „Das Islandpferd“ Jan/Feb 2006 .
(32) Schlie, a.a.O.  S. 77.